Spirituelles Reisen

Die Pauschal- Pilger
Ob spirituell-esoterisch oder römisch-katholisch – Pilgerfahrten boomen. Immer mehr Veranstalter entdecken dieses touristische Nischenprodukt. Und das lohnt sich, denn in Sack und Asche reist heute niemand mehr.
Ägyptens Kamele haben gut lachen. Zwar tragen sie noch immer vorwiegend US-Amerikaner zu den Pyramiden von Gizeh, doch statt dumpfer, dicker Massentouristen hocken zwischen den Höckern immer öfter erleuchtete, schlanke Sinnsucherinnen. Und die sind deutlich leichter.
„Spirituelle Gruppenreisen boomen”, erklärt Mohammed Fayed, dessen Familie seit fünf Generationen in Steinwurfweite der Großen Sphinx lebt und arbeitet. Allein im vergangenen Jahr führte Fayed siebzehn verschiedene Gruppen mit illustren Namen wie „World Light Travel” oder „Association for Research and Enlightenment” durch den berühmten Pyramidenkomplex, fünfzehn Kilometer südwestlich von Kairos Stadtzentrum.
Auf fünftausend schätzt Fayed die Zahl derer, die jährlich hier im „Chakra-Energiezentrum des Planeten” metaphysisch unterwegs sind – größtenteils Frauen mittleren Alters, aus der oberen Mittelschicht, mit Interesse an Yoga, Tarot und Astrologie. Und diese betuchte Klientel erwartet nicht nur erstklassigen Fünf-Sterne-Service, sondern vor allem Privatzugang zu Orten der Kraft, die Normalreisenden oft verschlossen bleiben – wie etwa die Königskammer in der Cheops-Pyramide. „Anderthalb Stunden konnten wir hier ungestört meditieren”, schwärmt Mohini Mayers von den Bermudas, die sich zusätzlich eine altägyptische Erleuchtungszeremonie gönnte – alles in allem „eine unglaubliche Erfahrung”.
Andere wiederum legen sich in den leeren Sarkophag des Pharao, um die mutmaßlich feinstoffliche Energie dieser Heiligen Stätte am eigenen, vibrierenden Körper zu spüren. Ganz Mutige lassen sich sogar zwischen den Pfoten der Großen Sphinx trauen, berichtet Fayed, dessen Unternehmen „Guardian Travel” jedes Jahr zweistellige Zuwachsraten verzeichnet, was auch daran liegen mag, dass immer mehr Europäer auf die spirituelle Reise durchs Alte Ägypten gehen. Spanische, britische und schwedische Gruppen führte Fayed bereits übers Gizeh-Plateau, „aber noch keine einzige deutsche.”
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Die Kanadierin, seit fünfzehn Jahren im Touristikgeschäft, spezialisierte sich 2003 auf spirituelle Reisen. Seitdem haben sich ihre Umsätze jedes Jahr verdoppelt. Damit das so bleibt, bietet sie seit kurzem auch metaphysische Touren zu Kultstätten im Alten Europa an: Wanderungen durch das „sagenumwobene Land der Druiden”, auf den Spuren von König Artus durch West-England – mit Georgina Sirett-Hardie, einer veritablen Priesterin von Avalon, an der Seite.

Auch deutsche Veranstalter haben die lukrative New-Age-Nische entdeckt. Die Euskirchener „Neue Wege Seminare und Reisen” GmbH etwa schickt in diesem Jahr gleich sechs Gruppen auf „Pilgerreise ins Zentrum des Kosmischen Mandalas” – zum Berg Kailash in Tibet, der Hindus, Buddhisten, Bön und Jainas als heilig gilt.
Rund einen Monat dauert die knapp fünftausend Euro teure Tour, die, so der Veranstalter, „mit sehr vielen Unwägbarkeiten, Überraschungen und Risiken – auch gesundheitlicher Art – verbunden ist”. Was die bundesdeutschen Pilger, überwiegend Akademiker mittleren Alters, darunter über die Hälfte Frauen, nicht davon abhält, zu Fuß, fast eine Woche lang und jeweils bis zu sieben Stunden pro Tag durch den Himalaja zu wandern, um schließlich über den 4600 Meter hohen „Nara La”-Pass zum heiligen Berg Kailash zu gelangen.

Die Suche nach Sinn beschert „Neue Wege” ein konstant starkes Wachstum. Gleichwohl gehe es bei dieser Reise nicht darum, so Geschäftsführer Markus Hegemann, „westliche Menschen auf einen buddhistischen Weg zu führen”. Vielmehr könne das „intensive Pilgergeschehen am Kailash” als Spiegel genutzt werden, um eine eigene Spiritualität zu finden, „die religiös geprägt oder auch weltanschaulich unabhängig sein kann”.

Zum Tanz der Druiden in Stonehenge
Ausgebildete Meister des Römisch-Katholischen dagegen stellt das Bayerische Pilgerbüro dem modernen Wallfahrer an die Seite: Auf dessen Lourdesflügen – vier Tage, ab München, für 579 Euro – sind oftmals echte Pfarrer oder Diakone an Bord, um die Gläubigen am meistbesuchten Marienheiligtum der Welt geistlich zu begleiten. Im Pauschalpreis enthalten: ein Gottesdienst an der Erscheinungsgrotte.
Auch Kevin J. Wright zählt den Wallfahrtsort am Fuße der Pyrenäen zu seinen persönlichen Favoriten – gleich nach dem Vatikan und Israel. Eine Wallfahrt ins Heilige Land, insbesondere zum See Genezareth, sei eben „nur schwer zu schlagen”, meint der US-amerikanische Buchautor und Experte für religiöses Reisen, der mehr als zweihundert Pilgerorte weltweit besucht und beschrieben hat. Einige seiner Bücher – „Können Sie auf Ihren Reisen sicher gut gebrauchen, Eure Heiligkeit” – überreichte er Papst Johannes Paul II. persönlich in dessen Privatkapelle.
Wright, seit Januar auch Geschäftsführer der neu gegründeten World Religious Travel Association (WRTA) in Colorado, prophezeit glaubensbasierten Reisen eine rosige Zukunft. In den letzten zehn Jahren habe die Nachfrage „enorm angezogen”, der Markt wachse rasant, und das Potential sei beachtlich: Einer aktuellen Studie der Travel Industry Association of America zufolge ist jeder vierte Reisende an spirituellen Urlaubsangeboten interessiert.
Überseeziele christlich-jüdischer Tradition stehen dabei ganz oben auf der Wunschliste. Baptisten etwa zieht es nach Jordanien, in die kleine Stadt Bethany, wo Jesus Christus im Jordan getauft wurde. In nur einem Jahr, 2005, stiegen hier die Besucherzahlen um 42 Prozent.
Presbyterianer pilgern neuerdings in Scharen zu den Wurzeln der Reformation in Schottland. Kirchen und Kapellen bei St. Andrews und Edinburgh stehen auf dem Programm, manchmal auch die etwas abseitigere Rosslyn-Kapelle – bekannt aus Dan Browns „Sakrileg – the Da Vinci Code”. 680.000 religiös Reisende zog es 2005 ins Land von Dudelsack, Kilt und Whisky – bis 2014 sollen es dreimal so viele sein.
Und mehr als zwanzigtausend Neo-Druiden und Freunde des Keltisch-Mystischen werden auch in diesem Jahr wieder das wohl berühmteste prähistorische Steinmonument der Welt, Stonehenge im Süden Englands, besuchen, um die Sommersonnenwende zu feiern. Für all diese New-Age-Pilger hat Finola Andrews von der britischen Denkmalpflegegesellschaft English Heritage eine gute Nachricht: „Von 20.30 Uhr am 20. Juni bis 8.00 Uhr am 21. Juni sind Anlage und Steinkreise für jedermann frei zugänglich.”
Doch damit nicht genug: Diverse Druiden – allen voran Rollo Maughfling, Erz-Druide von Stonehenge – werden im geweihten Gelände Zeremonien abhalten, Prozessionen durchführen und „alle Gäste herzlich willkommen heißen, die daran teilnehmen möchten”, verspricht Frank Somers, Sprecher des Council of British Druid Orders (CoBDO). Zwar kämen die meisten Besucher tatsächlich mit dem Wunsch nach Stonehenge, „etwas Mystisches und Heiliges” in dieser kürzesten Nacht des Jahres zu erleben, so der Druide weiter, doch einige wenige seien immer darunter, „die bloß Party machen wollen”, worauf der spirituell Reisende sich bitte einstellen möge.
Link / Adresse:
Edgar Cayce A.R.E. Group
edgarcayce.org
N E U E W E G E Seminare und Reisen GmbH
neuewege.com
Sacred Earth Journeys Ltd.
sacredearthjourneys.ca
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Labels: reise








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