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Mittwoch, 23. Januar 2008

Luxus-Trends



Nicht ohne meinen Ornithologen

Luxusreisen boomen. Immer mehr Veranstalter drängen in diese lukrative Marktnische. Doch was wollen die Wohlhabenden wirklich? Ein Blick nach Japan.

Luxus ist, wenn einem alles abgenommen wird – etwa die kostbare, aber sperrige japanische Lackvase, die man am Morgen in Wajima, im Westen der Noto-Halbinsel, erworben hat und die auf dem Rennrad, mit dem man tagsüber gen Osten gleitet, der abendlichen Sukiyaki-Party am Japanischen Meer entgegen, nur stören würde.

Für Souvenirs und Kunsthandwerk aller Art ist das Begleitfahrzeug da, und das folgt dem kleinen blaubehelmten Team, darunter Ex-CEOs aus der High-Tech-Industrie, TV-Producer und diverse Ingenieure, in gebührendem Abstand.

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Mindestens achttausend US-Dollar hat jeder der Teilnehmer aus den USA und Kanada für diese achttägige Radtour durch eine der unbekanntesten Ecken Westjapans bezahlt. Nicht gerade ein Billigangebot, wenn man bedenkt, dass Hin- und Rückflug ins und aus dem Land der aufgehenden Sonne nicht im Preis enthalten sind. „Ist aber jeden Cent wert”, verspricht Chris Mark von Butterfield & Robinson, dem kanadischen Veranstalter dieser Tour, „denn wir bieten den besten Service der Branche.”

Und der besteht im Wesentlichen darin, dass sich das reiche radelnde Dutzend – manchmal sind es auch mehr – um nichts Profanes kümmern muss, nicht einmal um das Auffüllen der Wasserflaschen in den aerodynamischen „Elite Patao”-Haltern. Platzt mal ein Reifen, stehen im Begleitfahrzeug, gleich neben der Vase, Ersatzteile und Reserve-Räder bereit, wünscht einer der verwöhnten Gäste zu pausieren oder einen Snack zu sich zu nehmen, muss er nichts weiter tun, als den Minibus heranzuwinken, der ständig irgendwo in der Nähe zu finden ist – genau wie zwei firmeneigene Japan-Experten auf Rädern.

„Natürlich bewegen wir uns mit diesem Angebot”, so der B&R-Direktor für Wander- und Radreisen weiter, „am oberen Ende der Preisskala für Aktivreisen.” Dafür sei aber absolut alles von auserlesener Qualität, persönlich getestet und im Preis enthalten – wie die brandneuen, für die Tour zur Verfügung gestellten „Synapse”-Rennräder von Cannondale mit 27 Gängen, die Mark selbst im April auf den „ganz ausgezeichneten” Landstraßen der Noto-Halbinsel Probe fuhr.

Doch weshalb betankt jemand – sagen wir mal in Detroit – seinen Privatjet, düst damit sechstausend Klima killende Meilen über den Nordpazifik, um in einer menschenleeren Gegend, bestaunt bestenfalls von älteren Fischverkäuferinnen in Gummistiefeln, Fahrrad zu fahren? An der Übernachtung in exklusiven Ryokans, den traditionellen japanischen Gasthäusern – Tatamimatten, Futon und Schiebetüren – allein kann es wohl kaum liegen.

„Für Radsportler sind die Bedingungen hier eben ideal”, erklärt Mark. Hinzu komme die Sicherheit und der Komfort, den sein Begleitteam biete – in einem Land, dessen Kultur viele noch immer als fremd, wenn nicht sogar als einschüchternd empfänden.



Schwertkampftraining in Armeesporthallen


Tatsächlich weist das fernöstliche Land abseits der „Goldenen Route” Tokyo - Hakone - Kyoto noch viele weiße Flecken auf, die für den High-End-Tourismus erschlossen werden könnten, wenn man die Bedürfnisse der wohlhabenden Klientel nur clever genug anspricht. „Insider Access” lautet eines der Zauberworte, mit denen Hiroshi Kuchiki, CEO von Magellan Resorts & Trust Inc., Gäste aus Übersee in die Region um Kanazawa locken will, dem „Kleinen Kyoto”, gelegen gleich südlich der Noto-Halbinsel.

„Wenn unsere Kunden hier einen bekannten Künstler oder Musiker treffen möchten”, erklärt Kuchiki, „dann können wir das arrangieren”. Womit der Chef von „The Real Japan” – so der Name des Projektes – einen besonders gefragten Prestigewert liefert: Privatzugang zu Orten, die der Öffentlichkeit normalerweise verschlossen bleiben.

Denn Luxus ist auch, wenn man Kenji Maida – Ausstellungen in Singapore, Paris und Berlin – in seinem Atelier in Kanazawa über die Schulter gucken darf, wie er mit einem Hirschhaarpinsel und dem Saft der Grünlilie feinste Landschaftsmotive auf Seide skizziert, diese in mehreren Arbeitsschritten per Hand färbt, bis jener wertvolle Kimonostoff – Kaga-yuzen – entstanden ist, für den die Präfektur Ishikawa bekannt ist.

Und wenn es sein muss, verfrachtet „The Real Japan” seine wohlhabenden, aber zeitarmen Gäste auch mit dem „Sky Taxi”, etwa einem Sikorsky S-76 – für viele VIPs der Helikopter der Wahl – von Narita direkt nach Kanazawa, Flugzeit etwa neunzig Minuten, wo sich die Freunde des Kunsthandwerks bei Sakuda auf die Schnelle ein ganz persönliches Paar Essstäbchen designen können – belegt mit hauchdünnem Blattgold, einer weiteren Spezialität der Region.

„Seit wir im vergangenen Dezember auf der ILTM vertreten waren”, so Kuchiki weiter, „hat sich die Zahl der Kundenanfragen vervierfacht.” Der „International Luxury Travel Market” (ILTM) ist eine alljährlich in Cannes stattfindende Fachmesse für Luxusreisen, deren diesjährige Eröffnungsparty von der japanischen Regierung gesponsort wird. Nicht nur Kuchiki rechnet deshalb in 2008 mit einer stark steigenden Nachfrage nach „Nippon de Luxe”.

Auch Barry Dille, Direktor von „Elite Japan Travel”, zeigt sich überaus optimistisch, was die Marktentwicklung angeht, schließlich lägen „hochwertige, auf die Persönlichkeit der Gäste zugeschnittenen Reisen” ja weltweit im Trend. Und dabei gehe es nur äußerst selten um das Protzen mit Luxusmarken, sondern vielmehr um den Gewinn einer individuellen Lernerfahrung, ein authentisches Erleben vor Ort – und wenn es das „Dojo” auf einem japanischen Militärstützpunkt ist, wo jener Schwertkampf-Ausbilder arbeitet, den Dille für eine Gruppe exzentrischer US-Touristen engagierte.

„Zwei Stunden dauerte deren privates Training”, schwärmt er. „Die Männer erfuhren, wie man ein Schwert korrekt zieht, wie man angreift und mit einem echten Katana” – dem rasiermesserscharfen japanischen Langschwert – „Tatamimatten schlitzt. Sie waren restlos begeistert!” Luxus ist eben auch, wenn man in einer original japanischen Armeesporthalle auf Reisstrohmatten eindreschen darf, und anschließend in der Mietlimousine zum Grand Hyatt zurückchauffiert wird.

Doch was sind das für Menschen, die sich solche kostspieligen Lernerfahrungen leisten? Lässt sich ein Typus definieren? „Die meisten unserer Gäste”, erklärt Pamela Lassers, Sprecherin von Abercrombie & Kent, Illinois, „sind zwischen 35 und 64 Jahren alt – Unternehmer, leitende Angestellte, Ärzte und Rechtsanwälte.” Und der Geschmack dieser „wohlhabenden, aktiven und kultivierten Persönlichkeiten” sei ganz einfach: „Sie verlangen das Beste, was die Welt zu bieten hat.” Wie Oscar Wilde. Nur, dass der irische Schriftsteller sich auf Reisen vermutlich nicht mit Ornithologen umgab.

Bei der Abercrombie & Kent-Kreuzfahrt durch japanische und südkoreanische Gewässer dagegen sind veritable Naturwissenschaftler an Bord – etwa Dr. Mark Brazil aus Worcestershire, England, Autor des Vogelkunde-Klassikers „The Birds of Japan”, ein Werk, das ebenso wie Brazils Arbeit über den „Whooper Swan” in keiner Schiffsbibliothek fehlen sollte. Und schon gar nicht auf der MS Clipper Odyssey, wenn sie im Mai 2008 von Himeji aus – sehenswert dort: „Die Burg des weißen Reihers” – zu einer zwölfnächtigen Abenteuer- und Entdeckungsreise in die Japanische Inlandsee sticht.

„Wissen und tiefer gehende Erkenntnisse”, so die Unternehmenssprecherin weiter, suchten die betuchten A&K-Gäste auf dieser 1.700 Seemeilen langen und mindestens neuntausend US-Dollar teuren Reise – Flug extra –, die bereits jetzt „so gut wie ausgebucht” sei. 118 Passagiere werden sich auf den fünf Decks dieses kleinen, fast intimen Kreuzfahrtschiffes tummeln, umsorgt von einer aufmerksamen Crew, die – bei einem Verhältnis von 2:1 – zahlenmäßig kaum unterlegen ist, und belehrt von diversen Dozenten, britischen und japanischen Wissenschaftlern, die den Wissensdurstigen die regionale Flora und Fauna näher bringen.

Wem das noch nicht nahe genug ist, der springt samt Digitalkamera in eines der mitgeführten Landungsboote – etwa einem Zodiac-Festrumpfschlauchboot –, prescht mit heulendem Außenborder hinein in den nächstbesten Mangrovenwald, pixelt sich ein passendes fernöstliches Vöglein heraus, um dessen entsetzten Blick dann – dank des Odyssey-eigenen Inmarsat-Telekommunikationssystems – als E-Mail-Anhang an die Lieben daheim oder die Bösen im Büro zu schicken, damit die auch mal sehen, was hier so flattert.


Privataudienzen bei Aristokraten- familien

Während nord- amerikanische High-End- Touristiker den Begriff „Luxus” gern und reichlich verwenden – für ihre Klientel, meint Pamela Lassers, sei Reisen „ein wesentlicher Bestandteil ihres luxuriösen Lebensstils”, habe somit einen ähnlichen Stellenwert wie „edle Automobile, Yachten, Privatjets, Kunstsammlungen und Immobilien” –, sprechen deutsche Veranstalter lieber von hochwertigen Studien- und Erlebnisreisen.

Tatsächlich wird wohl niemand auf die Idee kommen, die Übernachtung in einer einfachen Klosterherberge im fast 900 Meter hoch gelegenen Bergland des Koya-san, auf der Kii-Halbinsel südlich von Osaka, als Luxus zu bezeichnen. Extravagant, im Sinne von außergewöhnlich ist dieses „Insider-Angebot mit Erlebnis- und Begegnungscharakter”, wie Jana Lüth, Sprecherin von Gebeco in Kiel, es nennt, dennoch. Und auch nicht ganz billig.

Das Gesamtpaket, die 17-tägige Gebeco-Studienreise „Verborgenes Japan”, kostet ab 4.295 Euro, wobei Koya-san nur einer von vielen Programmpunkten ist, allerdings – neben den singenden Flurdielen im Nijo-Schloss von Kyoto – wohl einer der interessantesten. Wo sonst kann der westliche Sinnsucher die authentische Atmosphäre einer Tempelanlage aus dem 9. Jahrhundert, der Blütezeit des japanischen Buddhismus, erleben, bei Sojabohnenquark, Lotuswurzeln, Reis und grünem Tee über den Achtfachen Pfad, den Weg aus allem Leiden, meditieren, und schließlich sogar, in aller Herrgottsfrüh, leibhaftige Shingon-Mönche beim Morgengebet beobachten.

Solche Spezialitäten liegen im Trend. „Wir organisieren gerade”, berichtet Dagmar Klein, Japanexpertin von Bawa Tours, „eine spezielle Sumo-Reise”, wozu auch der Besuch eines der Turnier–Endkämpfe – „dafür Topkarten zu bekommen hat Seltenheitswert” – und der Kontakt zur Sumo-Gemeinde selbst gehörten. „Luxury whispered” nennt es der Memminger Veranstalter, wenn er seinen Kunden exklusive Geheimtipps zukommen lässt oder prestigeträchtige Events arrangiert – wie etwa eine „Privataudienz bei einer der ältesten japanischen Aristokratenfamilien”.

High-End-Tourismus hat nicht nur viele Facetten, er ist auch äußerst lukrativ – für alle, die direkt oder indirekt damit zu tun haben. „Ob Dollar oder Yen”, erklärt Marian Goldberg, PR-Managerin der Japan National Tourist Organization (JNTO) in New York, „Luxusreisende lassen einfach mehr Geld im Land.” Sie kaufen häufiger teure Designerkleidung, hochwertiges Kunsthandwerk und heimische Delikatessen als der kostenbewusste Pauschaltourist, speisen in Nobelrestaurants, und – besonders wichtig – betten sich bevorzugt in Fünf-Sterne-Komfort.

Weswegen japanische Projektentwickler – die Platinkreditkarten der vermögenden Zielgruppe fest im Blick – in den vergangenen Jahren einen beispiellosen Bauboom, allen voran in Tokyo, aber auch in Hakone und Kyoto, ausgelöst haben: Luxus-Hotels schossen und schießen hier aus dem Boden wie anderswo Bambussprossen.

Gleichzeitig entwickeln Think Tanks der Tourismusindustrie immer neue, spektakulärere Special-Interest-Angebote: Fische fangen mit abgerichteten Kormoranen, Falltüren betätigen im Kabuki-Theater, Gesellschaftsspiele spielen mit Geishas – mehr als 140 „einzigartige und denkwürdige Erlebnisse” umfasst eine Datenbank, die JNTO und Japan Airlines (JAL) im Juli US-amerikanischen Event-Agenturen, Incentive-Planern, Reisebüros und Touristik-Medien präsentierten.

Der Grund für die verstärkte Promotiontätigkeit liegt auf der Hand: All die neuen Fünf-Sterne-Etablissements „müssen schließlich gefüllt werden”, so Goldberg weiter. Und Rucksacktouristen kämen dafür wohl kaum in Frage.


Link / Adresse:
Abercrombie & Kent, USA
abercrombiekent.com

The Real Japan
Magellan Resorts Japan

real-japan.com

Butterfield & Robinson, Canada
butterfield.com

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VÖ: 12/07


© 2008 GFM

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