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Donnerstag, 18. Oktober 2007

Die Okinawa-Diät




Kakteen und Kürbisse

Auf den Inseln Okinawas werden die Menschen alt, sehr alt, und das liegt nicht nur daran, dass man in einer solch schönen Gegend auch alt werden möchte – es liegt vor allem an der Ernährung.

„Nuchi Gusui” – Nahrung ist Medizin, sagen die älteren Bewohner Ryukyus (der Präfektur Okinawa) und meinen damit nicht die von US-Amerikanern importierte Fast-Food-Kultur, sondern eine Esstradition, die unter anderem auf die 2500 Jahre alte taoistische Lehre des Gelben Kaisers zur Inneren Medizin zurückgreift.

Im Wesentlichen geht es darum, weniger Kalorien zu sich zu nehmen, um auf diese Weise einer Überproduktion von freien Radikalen vorzubeugen. „Hara Hachi Bu” nennen es die Insulaner, und das bedeutet: „Iss nur so viel, bis du zu 80% voll bist.”

Hinzu kommt eine kalorienarme, pflanzliche Ernährung, die reich an Antioxidantien ist. Antioxidativ wirkende Stoffe sind beispielsweise Vitamin C und E und Beta-Carotin, eine Vorstufe (Provitamin) von Vitamin A. Und diese wiederum finden sich in vielen der für Okinawa typischen Früchte und Pflanzen, die ich Ihnen hier auszugsweise vorstellen möchte.


Goya:

Diese bittere Melonenart soll Haut und Knochen jung halten. Gebraten schmeckt sie am besten, beispielsweise in „Goya Champuru”, einem einfachen, gesunden Gericht aus Tofu, Eiern, Olivenöl, Meersalz, Pfeffer und eben geschnetzeltem Goya-Gemüse.

Die Bittermelone, auch Bittergurke, Balsambirne, Bitterkürbis und Carillafrucht genannt, kann den Blutzucker senken und kommt als Heilpflanze (Extrakte aus Wurzeln und Blättern) auch bei verschiedenen anderen Indikationen (Verstopfung, Magenbeschwerden) zur Anwendung.

Pitaya:

Die Drachenfrucht (dragon fruit) ist erst seit wenigen Jahrzehnten in Okinawa heimisch, inzwischen aber sehr beliebt. Diese ursprünglich aus Mittelamerika stammende Kakteenart, blüht nur, so heißt es, am 1. und 15. Tag des Mondkalenders, dann aber besonders hinreißend.

Die „Red Pitaya”-Variante ist außen pink und innen fruchtig, garniert mit kleinen, schwarzen Kernen. Ihr Geschmack ähnelt dem der Wassermelone, unaufdringlich saftig, aber reich an Mineralstoffen und Vitamin C.

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Samstag, 13. Oktober 2007

Gourmets online





Ich koche, also blogge ich

Kochen ist in, Weblogs auch. Trendsetter, die das frühzeitig erkannt und kombiniert haben, ernten jetzt die Früchte – Buchverträge oder Werbeeinnahmen, manchmal auch beides.

„Februar ist der suppigste Monat”, textet Orangette, alias Molly Wizenberg, in ihrem Food Blog und liefert das jahreszeitlich passende Rezept gleich mit: Kartoffeleintopf nach Anden-Art mit Achiote-Samen als Gewürz und Avokadostreifen obendrauf.

Seit fast drei Jahren schreibt die 28-jährige Food-Journalistin aus Seattle übers Kochen, Essen und Trinken, und das in einer solchen literarischen Qualität, dass ihr erstes Buch „Orangette: The Stories My Kitchen Tells Me” demnächst beim renommierten New Yorker „Simon & Schuster”-Verlag erscheint.

Blogs zu Büchern – kein Einzelfall. Auch Clotilde Dusoulier aus Paris erntet jetzt die Früchte ihrer Leidenschaft fürs Kochen und Bloggen. Im Mai geht sie mit „Chocolate and Zucchini: Daily Adventures in a Parisian Kitchen” auf Lesereise durch die Vereinigten Staaten. Gleich zwei Verlage haben sich die Rechte am kulinarischen Debüt der 27-jährigen Autorin gesichert: Broadway Books in den USA, Marion Boyars Publishers in Großbritannien.


Woher kommt dieser Erfolg?

Beiden jungen Autorinnen ist gemeinsam, dass sie ihre Blogs auf Englisch publizieren. „Der Markt ist einfacher größer”, erklärt die Pariserin. „Etwa 70 % der Besucher meiner Website kommen aus den USA und Kanada, aber lediglich 10 % aus Frankreich.” Dusoulier denkt nicht daran, ihren Blog auch auf Französisch zu veröffentlichen. „Die meisten Unternehmen in Europa haben ja noch nicht mal ein Budget für Online-Werbung definiert.”

Online-Werbung? Aber ja. Die Französin verkauft Werbefläche auf ihrer Seite über Blogads, einem auf Blogwerbung spezialisierten Anzeigenvermittler in North Carolina. „Die meisten selbständigen Blogger”, erklärte Blogads-Gründer Henry Copeland kürzlich gegenüber dem „Wall Street Journal”, „erzielen Werbeeinnahmen von zwei- bis zehntausend Dollar im Monat.”

Zahlen, die man so ohne weiteres nicht glauben mag und die auch von keinem der befragten Food Blogger bestätigt werden. „Das Geldverdienen”, erklärt Dusoulier, „sollte nicht im Vordergrund stehen”, viel wichtiger sei es, dass man „mit echter Leidenschaft bei der Sache ist”. Und doch steht sie mit ihrem Blog ganz weit oben auf der Anzeigenpreisliste von Blogads: 1.200 Dollar kostet ein Werbebanner bei Chocolateandzucchini.com im Monat, zwei sind aktuell geschaltet und erzielen 500.000 Anzeigenabrufe im Monat.

Bereits im Jahr 2003 startete Dusoulier von San Francisco aus ihr Blog, verkaufte 2004 ihre erste Anzeige und heute – 250 Rezepte später – führen fast zwölftausend Links, die härteste Währung des Webs, zu ihrer Seite, was mehr ist, als manche große deutsche Tageszeitung vorweisen kann. „Irgendwann hat eben der Netzwerk-Effekt gegriffen”, freut sich die Französin.


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Nutzwert statt Egozentrik

Auf Molly Wizenbergs Seite dagegen findet man keine Anzeigen. „Ich mag Werbung einfach nicht”, erklärt die Schriftstellerin. „Mir gefällt es, dass Orangette.blogspot.com eine der wenigen Seiten im Internet ist, die man täglich besuchen kann, ohne mit irgendwelchen Anzeigen bombardiert zu werden.”

Wären da nicht die fruchtigen Fotos und Rezepte, man könnte Wizenbergs Blog tatsächlich für pure Literatur halten, und läge damit nicht mal falsch. „Ich schreibe Essays übers Essen – „food stories” – mit Rezepten als Zugabe”, sagt Molly. Und das unterscheidet ihr Werk von einem normalen Kochbuch. „Ich kenne nicht viele Leute, die Spaß daran haben, einfach nur irgendein altes Rezept zu lesen. Wenn dazu aber eine Geschichte erzählt wird, mit der sich die Leser identifizieren können oder die sie inspiriert, dann werden sie nicht nur mehr lesen wollen, sie werden auch mehr kochen.” Premium-Prosa frisch aus der Küche – das ist wohl das Erfolgsgeheimnis ihres Blogs, das sie im Juli 2004 startete und dessentwegen sie ihr Anthropologie-Studium an den Nagel hängte.

Lassen sich diese Erfolgsmodelle auf Deutschland übertragen? „Als wir das Thema Food Blogs für uns entdeckten”, sagt Nicole Stich von „Delicious Days” in München, „waren diese zu einem großen Teil in englischer Sprache verfasst. Erste Kontakte zu anderen Bloggern waren schnell geknüpft, weshalb es eine logische Folgerung war, Deliciousdays.com auf Englisch zu verfassen.”

Das war 2005. Bereits ein Jahr später erhielt ihr Food Blog von „Time” die Auszeichnung „50 Coolest Websites”, wobei die Redaktion des US-Magazins besonders auf das elegante Design und die großartigen Fotos hinwies.

Auch bei mehr als 200.000 Seitenabrufen im Monat und fast fünftausend Links, die zu ihrer Seite führen, sei bloggen, so die Designerin Stich weiter, für sie „nach wie vor ein Hobby – mit Sicherheit sehr zeitaufwendig, aber auch sehr erfüllend”.

Dass es mehr sein kann, belegen die amerikanischen Beispiele. Und bei etwa 145 Millionen Menschen in Europa, die deutsch sprechen, dürfte der Markt groß genug sein, um bald auch die ersten Deutsch schreibenden Gourmet-Bloggerinnen zu ernähren
.


Link / Adresse:
Chocolate and Zucchini
chocolateandzucchini.com

Orangette
orangette.blogspot.com

Delicious Days
deliciousdays.com

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Freitag, 12. Oktober 2007

Bad, bad Baby-Boomer?

Generationenkonflikt in den USA

Alles wenigstens einmal ausprobiert zu haben – das war das Credo jener Generation, die einst den Spruch „Trau keinem über Dreißig” prägte. Jetzt als Rentner stellen sie das amerikanische Sozialsystem auf die Probe – mit unabsehbaren Folgen.

„Was haben die jemals für irgendwen getan?” fragt sich Cassandra Devine, 29, Protagonistin in Christopher Buckleys neuem satirischen Roman „Boomsday” und meint damit die Generation der Baby-Boomer, jene 78 Millionen US-Bürger, die demnächst in Rente gehen, um – antiautoritär und experimentierfreudig wie sie sind – die Belastbarkeit des amerikanischen Sozialsystems zu testen.

„Tsunami aus Senioren” nennt der Gerontologe, Psychologe und Buchautor Ken Dychtwald diese Riesenwelle aus heute 43- bis 61-Jährigen, die in wenigen Jahren die ohnehin schon maroden Stützpfeiler der US-Rentenkasse vollends weggespült haben könnte.

„Warum sollten die unter 35-Jährigen derentwegen höhere Steuern zahlen?” ärgert sich Cassandra weiter und empfiehlt als Radikallösung: Steuererleichterung nur für jene Senioren, die bereit sind, sich frühzeitig und freiwillig – „voluntary transitioning” – umzubringen.

Christopher Buckley, dessen schwarzer Humor vielleicht nicht so sehr in den Reden zum Tragen kam, die er Anfang der 80er Jahre für den damaligen Vize-Präsidenten Georg Bush senior schrieb, dafür aber umso mehr in Werken wie „Thank you for smoking” – 2006 in den Kinos –, ist wütend. „Meine beiden Kinder, 18 und 14”, sagt der 54-jährige Humorist und Forbes-Redakteur, „werden nicht nur einen großen Teil ihres Arbeitslebens damit verbringen, Schulden, die meine Generation und die vorangegangenen gemacht haben, abzustottern, sondern sie werden irgendwann auch noch meine Inkontinenzeinlagen bezahlen müssen. Früher oder später wird der Tag der Abrechnung kommen!”

Nicht zufällig klingt Boomsday daher wie Doomsday, das im Englischen den Tag des jüngsten Gerichts und auch den des Weltuntergangs bezeichnet. Sozial- und fiskalpolitisch könnte dieser tatsächlich eintreffen, denn ein Drittel aller amerikanischen Boomer hat Ken Dychtwald zufolge „absolut nichts angespart”, müsste also bis ins hohe Alter vom Staat alimentiert werden – und das bei einer „versicherungsstatistischen Lebenserwartung von gegenwärtig 82,5 Jahren”.


Das SKI-Prinzip

Andere werden nach dem SKI-Prinzip – „Spend the Kids' Inheritance” – leben müssen, was Cathy Hamilton, Herausgeberin des Online-Magazins „Boomergirl.com”, für eines der größten Zukunftsprobleme hält: „Wir werden zwar länger leben als irgendeine Generation vor uns, sind darauf aber weder finanziell noch sonst wie vorbereitet.” Besonders Frauen – mit einer Lebenserwartung von über 90 Jahren – würden die langfristigen Kosten für Wohnung, Gesundheitsfürsorge und Steuern schlicht unterschätzen. „Für viele Kinder der Baby-Boomer ist eine Erbschaft einfach nicht drin, fürchte ich.”

Seinen Kindern eine bessere Welt oder wenigstens irgendetwas zu hinterlassen, scheint demnach ein Anspruch zu sein, den viele Baby-Boomer erst gar nicht mehr erheben. Ist diese Generation, die einst das Motto „Trau keinem unter Dreißig” prägte und sich selbst als idealistisch bezeichnet, vielleicht einfach nur egoistisch? Proklamieren die demnächst etwa: „Trau keinem unter Sechzig”?

„Schon möglich”, meint Richard Croker, Autor des Buches „The Boomer Century 1946 - 2046”, und skizziert sogleich das hässliche Gespenst eines Generationenkrieges, in dem die älteren der Baby-Boomer für bessere Betreuung, die jüngeren der Generation X dagegen für niedrigere Steuern kämpfen.

„In den dreißiger Jahren”, so der 61-jährige Autor weiter, „als die ‚Social Security’ in den Vereinigten Staaten eingeführt wurde, kamen auf einen Rentner vierzig Arbeiter. Heute sind es drei. Sehr bald werden es zwei oder noch weniger sein.”

Und sollte „Amerikas einflussreichste Generation” (Croker) selbstsüchtig genug sein, um bei kommenden Wahlen als vereinter, mächtiger Block ausschließlich für die eigenen, alten Interessen zu stimmen, „würden wir ein Land mit prächtigen Krankenhäuser und verfallenen Schulen werden”, zitiert Croker seinen Kollegen Marc Freedman
.

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Crokers Buch erscheint Ende April bei „Springboard Press”, einem Imprint von Warner Books, und ebenso wie „Boomergirl.com” neu gegründet, um das Marktpotential der Baby-Boomer voll auszuschöpfen. Cathy Hamiltons Magazin richtet sich allerdings vornehmlich an die Web-Surferin über Fünfzig, eine kaufkräftige weibliche Zielgruppe, die – so die 51-jährige Herausgeberin – zwar „80 % der Kaufentscheidungen eines Haushalts trifft, aber dennoch von Marketing und Medien weitestgehend ignoriert wird”. Mit Boomergirl, das zu „The World Company”, einem mittelständischen Medienunternehmen aus Kansas, gehört, will sie dies ändern.

Und da 83 % der US-amerikanischen Baby-Boomer – etwa 65 Millionen Menschen – regelmäßig das Internet nutzen, und Frauen, anders als in Deutschland, genauso stark vertreten sind wie Männer, könnte diese Strategie aufgehen.

Self-empowerment und „Killer-Gras”

Ken Dychtwald, 56, dessen Firma „Age Wave” seit 1986 Regierungen und Unternehmen weltweit, darunter auch die deutsche Allianz, in puncto alternde Gesellschaft berät, nennt „self-empowerment” als eine der wesentlichen Charaktereigenschaften seiner Nachkriegsgeneration.

Selbstermächtigung, sich das Recht zu nehmen, eigene Ziele zu setzen und zu verfolgen, sich selbst zu verwirklichen, stand bei diesen experimentierfreudigen alten Rackern – „Nennen Sie uns bitte nicht aktive Senioren” (Cathy Hamilton) – schon immer hoch im Kurs. Nichts turnte sie mehr an, als alles wenigstens einmal auszuprobieren.

„Auch ich war damals ein radikaler Hippie-Aktivist”, gesteht der in Georgia lebende Richard Croker. „Und ich war einer von den sehr wenigen weißen Südstaatlern, die zur Beerdigung von Dr. Martin Luther King gegangen sind.” Aber das „Killer-Gras” inhaliere er seit Jahrzehnten nicht mehr, auch wenn er seinerzeit fast alles ausprobiert habe, außer vielleicht die Flüssigkeit in der Wasserpfeife zu trinken. „Doch wenn ich die Almond Brothers im Radio höre, läuft mir noch immer ein Schauer über den Rücken.”

Schwer vorstellbar, dass sich diese geräuschvolle Generation, die mit den Beatles und Stones großgeworden ist, gegen den Vietnamkrieg protestiert und die Frauenbewegung vorangetrieben hat, einfach sang- und klanglos auf die Rentnerbank abschieben lässt. Dychtwald etwa hält die Idee des Ruhestands an sich für verfehlt. Stattdessen könnte es weit erfüllender zu sein, eine neue Karriere zu starten oder sich selbst ganz neu zu erfinden.

Oder das weiter zu machen, was man immer schon gemacht hat: Rockmusik beispielsweise. Tatsächlich hören sie ja – zum Leidwesen der Generationen X, Golf und Praktikum – wirklich nicht auf: Joan Baez, Jahrgang 1943, tourt aktuell durch Europa, Patti Smith, geboren 1946, veröffentlicht Mitte April ihr neues Album „Twelve”, Stevie Nicks, 58, vormals bei Fleetwood Mac, präsentiert „Crystal Visions” ab Mitte Mai live an der amerikanischen Westküste, und die vier Rolling Stones – zusammen exakt 250 Jahre alt – starten am 5. Juni ihre x-te Bigger-Bang-Europatournee. ***

Apropos „Bigger Bang”: Die Orgasmusexpertin Beverly Whipple – Anfang der 80er Jahre promotete sie den G-Punkt, „das stärkste erotische Zentrum der Frau” – legte vor wenigen Wochen ein neues Werk zum Thema vor: „The Science of Orgasm”.

Darin präsentiert die Sexualwissenschaftlerin von der Rutgers University, New Jersey, neueste Forschungsergebnisse, die nicht nur bestätigen, dass das wichtigste Sexualorgan des Menschen sein oder ihr Gehirn ist, sondern dass auch nichtgenitale Orgasmen, darunter Nasen- und Knieorgasmen an Probanden glaubhaft nachgewiesen werden konnten.

Weswegen Dr. Whipple, 65, die ideale Expertin ist, um eine brennende Frage zu beantworten: Gibt es eine Altersgrenze für den Orgasmus?

„Nein”, antwortet Whipple, „auch Menschen, die 80, 90 oder noch älter sind, können einen Orgasmus bekommen.”

Baby-Boomer werden also nicht nur schamlos immer älter – sie haben auch noch Spaß dabei.

Link / Adresse:
Boomer Girl
boomergirl.com


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Donnerstag, 11. Oktober 2007

Immobilien in Montenegro




Preiswert sind nur noch Ruinen

Der junge Balkanstaat Montenegro ist zwar erst seit ein paar Monaten unabhängig, doch Kapital aus aller Welt drängt in das kleine Land an der Adria. Russen, Engländer und Iren treiben die Immobilienpreise hoch, die Deutschen zögern noch. Vielleicht zu Recht.

Wenn die Generation der Baby-Boomer in Rente geht, werden viele von ihnen gen Süden ziehen, um – vorzugsweise – im eigenen, kleinen, weiß getünchten Steinhaus mit Meerblick einen sonnendurchfluteten Ruhestand zu genießen. Doch nicht zuletzt weil die Hauspreise in Spanien in den letzten zehn Jahren um 150 % gestiegen sind, schauen sich Anleger nach Alternativen um.

Montenegro, das selbsternannte „Juwel der Adria”, könnte auf den ersten Blick eine sein, denn es weist ähnliche natürliche Qualitäten auf wie etwa die Balearen oder Südfrankreich, allerdings auf wesentlich kleinerer Fläche: Mit seinen 14.000 Quadratkilometern ist die „Republika Crna Gora”, wie der jüngste Staat der Welt auf serbisch heißt, kleiner als Schleswig-Holstein. Dafür aber erheblich mediterraner: 240 Sonnentage im Jahr, Wassertemperaturen um die 25° im Sommer und – laut World Travel and Tourism Council (WTTC) – „der am schnellsten wachsende Reise- und Touristikmarkt weltweit”.

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Höchste Zeit also, in diesen postsozialistischen Rohdiamanten zu investieren, der sich am 3. Juni 2006 als von Serbien unabhängig erklärte und den Euro zur Landeswährung machte? „Die Russen sind bereits massiv im Markt”, sagt Tanya Nikolic, frischgebackene Hauseigentümerin in Herceg Novi, einer Kleinstadt an der südlichsten Fjordbucht Europas, der Boka Kotorska. „Denn Montenegro ist eines der wenigen Länder, wo sie für die Einreise kein Visum benötigen.” Und sie reisen nicht nur ein, sie kaufen. Und sie kaufen nicht nur an der Küste, wo alle kaufen. Sie kaufen im Landesinneren, wo die Preise noch niedrig sind. „Hektarweise erwerben sie unbebaute Grundstücke”, fährt die Australierin fort, die selbst seit November 2005 im Norden des Landes lebt, „obwohl sie das gar nicht dürften – zumindest nicht als Privatpersonen.”


Ausländische Investoren können in Montenegro zwar uneingeschränkt Immobilien erwerben, nicht aber Land. Das ist Unternehmen zu gewerblichen Zwecken vorbehalten. „Aber eine Firma offiziell anzumelden, ist einfach”, so Nikolic weiter. „Viele Ausländer nutzen diesen Weg, um an Grundstücke zu kommen.”

Ob ihnen das Land dann aber tatsächlich auch gehört, können selbst Experten wie Dirk Thomsen von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) „nicht mit ausreichender Sicherheit beantworten” und empfehlen ein professionelles Rechtsanwalts- oder Ingenieurbüro vor Ort einzuschalten, zumal die „relevanten Gesetze zurzeit eine Novellierung durchlaufen.” Das Kataster- und Grundbuchsystem sei allerdings bereits digitalisiert und werde in den nächsten Jahren weiter optimiert
.

Doch Tanya Nikolic ist sicher, die vollen Eigentumsrechte an ihrem Steinhaus mit Meerblick und dem dazugehörigen Grundstück erworben zu haben: „In der Eigentumsurkunde sind sowohl die Quadratmeter Wohn- und Nutzfläche der Immobilie als auch die des Grundstücks unter meinem Namen verbrieft.”

Zu teuer für Michael Douglas?

Wer vor fünf Jahren in Montenegros nördlichem Küstennachbarn, in Kroatien, Hauseigentum erworben hat, kann sich inzwischen über eine ordentliche Wertsteigerung freuen. Eine ähnliche Entwicklung durchläuft nun auch das wesentlich kleinere „Juwel der Adria”, nur erheblich schneller. Seit 2003 sind die Immobilienpreise jährlich um etwa dreißig Prozent gestiegen und „das geht so weiter”, schätzt Helen Moyles, irischstämmige Immobilienmaklerin in Kotor. „Denn noch gibt es viele unentdeckte Gebiete mit hohem Wachstumspotential.”


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Moyles' Arbeitgeber, Dream Property Montenegro, zählt nach eigenen Angaben betuchte irische und britische Privatinvestoren zu seinen Kunden, die Immobilien als Kapitalanlage erwerben – oder zu Spekulationszwecken, wobei der Trend, so Moyles weiter, zum „Off-plan”-Apartment mit Swimmingpool gehe – zu Preisen zwischen tausend und dreitausend Euro pro Quadratmeter. „Off-plan” heißt, dass der Anleger ein Objekt kauft, welches sich noch in der Fertigstellung befindet, was im schlimmsten Fall bedeuten kann, dass außer der Baubeschreibung nichts auf dem Tisch liegt, über den der mutige Investor seinen Scheck schiebt.


Was Objekte aus dem Bestand angeht, hat Tanya Nikolic – kürzlich wieder mit Freunden auf „house hunting” an der Nordküste – die Erfahrung gemacht, dass es inzwischen nicht mehr möglich ist, in Herceg Novi „irgendein bewohnbares Objekt” für weniger als 150.000 Euro zu finden.

Das ist herb – in einem Land, wo die Arbeitslosenquote bei einundzwanzig Prozent und das durchschnittliche Monatseinkommen bei etwa zweihundert Euro liegt. Eine profitable Vermietung an Einheimische ist damit so gut wie ausgeschlossen, Rendite nur über Wertsteigerung beim Wiederverkauf möglich.

Aber warum boomt dann Montenegros Immobilienmarkt überhaupt? Zunächst einmal deshalb, weil die Nachfrage größer ist als das Angebot. Zwar ist die Küstenlinie fast dreihundert Kilometer lang, noch relativ naturbelassen und unverbaut, doch die Menge der verfügbaren Häuser und Grundstücke ist überschaubar. Oder wie Tanya Nikolic es ausdrückt: „Besonders an der Küste ist der Markt wie ausgetrocknet, beinahe leergefegt.”

Die Aussicht auf eine mögliche EU-Mitgliedschaft treibt die Preise weiter nach oben. „Im Jahre 2012 könnten wir die Beitrittskriterien erfüllen”, hofft Simo Djurasevic, Immobilienberater bei Sveti Stefan Real Estate. „Und dass die Autoren des neuen Bond-Films das fiktive „Casino Royale” in Montenegro angesiedelt haben, war für uns auch sehr, sehr gutes Marketing.” Aus Dankbarkeit sei die Film-Crew für den Sommer nach Sveti Stefan, der mondänen Hotelinsel an der Riviera von Budva eingeladen worden.

Auch sonst wimmelt es in Montenegro nur so von Berühmtheiten aller Art, wenn man dem schlauen Immobilienagenten glauben mag: „Catherine Zeta-Jones und Michael Douglas waren auf Häusersuche hier”, erklärt Djurasevic. „Roman Abramovich, russischer Milliardär, und Francesco Totti, italienischer Fußballstar, werden regelmäßig gesichtet und viele andere, an die ich mich gerade nicht erinnere.”

Montenegro – das nächste Monaco?

Demnach könnte Budva das nächste St. Tropez und Montenegro das nächste Monaco werden. Die Preise sind heute schon auf „Côte d'Azur”-Niveau. 680.000 Euro soll ein nicht ganz neues und nicht ganz freistehendes Steinhaus in der Altstadt von Budva bringen. 130 Quadratmeter Wohnfläche auf drei schiefen Ebenen (s. Fotos). Das sind mehr als fünftausend Euro pro Quadratmeter.


„Aber kauft wirklich noch jemand zu diesen Preisen”, fragt sich Tanya Nikolic und weist bei der Gelegenheit auf einige noch immer nicht gelöste Infrastruktur- Probleme des Landes hin: „Zwar kann man das Leitungswasser trinken, aber es kann durchaus vorkommen, dass es für mehrere Stunden am Stück und ohne Vorwarnung abgestellt wird. So geschehen in diesem Sommer.” Und in Spitzenzeiten, etwa am Spätnachmittag gegen 18 Uhr, wenn alle vom Strand zurückkommen, tröpfele es machmal nur drucklos aus dem Hahn, so dass „an Duschen nicht zu denken ist”. Die Stromversorgung sei insgesamt stabiler, nur hin und wieder gebe es Aussetzer von bis zu zehn Minuten. Eine offizielle Erklärung für diese Pannen erhalte man aber nie.

Eine funktionierende Infrastruktur ist für ein Land, das den Tourismus zum Hauptwirtschaftsfaktor ausbauen will, jedoch unabdingbar. Die deutsche Bundesregierung und die KfW-Bankengruppe unterstützen montenegrinische Küstengemeinden daher beim Ausbau der Wasserversorgung. Wenn alle geplanten Maßnahmen durchgeführt sind, „dürften keine Abschaltungen mehr notwendig sein”, erklärt Iris Harder, Projektmanagerin bei der KfW.

Um die Abwasserentsorgung zu verbessern, sollen – so Harder weiter – an zwei bis drei Standorten demnächst Kläranlagen gebaut werden. Bislang würden die Abwässer wie auch in Kroatien über lange Meeresauslässe entsorgt. Die Wasserqualität in der Adria werde allerdings regelmäßig kontrolliert. „Fünfzehn Badebuchten wurden bereits mit der Blue Flag ausgezeichnet”, erklärt Diki Kazanegra, Chef des Reiseunternehmens Adriatic Express in Budva.

Der Tourismus-Masterplan, den die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) für Montenegro erarbeitet hat, entwirft kühne Visionen von blühenden Küstenlandschaften – etwa für das südliche, an der Grenze zu Albanien gelegene Ulcinj (gesprochen: „Olsen”). Zu einem „Urlaubsresort der Zukunft” soll die Region mit ihrem dreizehn Kilometer langen Sandstrand werden, eingebettet in das Konzept eines nachhaltigen, ökologisch verträglichen Qualitätstourismus. Und gerade jetzt in der Phase des touristischen Wiederaufbaus, so Franz-Josef Flosbach von der DEG, böten sich für Investoren sehr interessante Gelegenheiten, zumal „Rechtssicherheit aus unserer Sicht in Montenegro gegeben ist”.

Tatsächlich flossen bereits ausländische Investitionen in Höhe von mehr als 200 Millionen Euro – darunter auch EU-Gelder – in den Balkanstaat, der zusammen mit Serbien – eine Einzelauswertung für Montenegro gibt es bislang nicht – im Korruptionsindex 2005 von Transparency International auf Platz 102 steht – von 159 untersuchten Staaten. Zum Vergleich: Die Bundesrepublik Deutschland liegt auf Platz 16.

„Für Montenegro spricht aber”, so Flosbach weiter, „dass der Beitrag des Privatsektors zum BIP mit 73 % Ende 2005 der höchste in der Region war und damit deutlich über den Werten für Kroatien oder Serbien liegt.”

Übernachtungspreise auf mallorquinischem Niveau

Wie aber könnte ein privater Kleinanleger vom aufblühenden Kleinstaat an der Adria, der laut WTTC in den nächsten zehn Jahren seine Übernachtungskapazität um 65.000 Hotelbetten aufstocken und dafür Investitionen von etwa sieben Milliarden Euro anlocken will, profitieren?

Was derzeit fehlt, sind Angebote im Drei- bis Fünf-Sterne-Segment, beklagen Reiseveranstalter aus Deutschland, Frankreich, Skandinavien und den Benelux-Ländern. Die Nachfrage aus diesen Ländern übersteigt das Angebot vor Ort, weswegen Hotel- und Ferienwohnungspreise in Montenegro auch bereits mallorquinisches Niveau erreicht haben.

Sollte der interessierte Anleger also in eines dieser neuen „Off-plan”-Objekte investieren, um es in der Saison, die angeblich von Mai bis November reicht, profitabel an Touristen zu vermieten? Oder vielleicht lieber in etwas Exotisches – etwa in den nostalgisch-sozialistischen Charme eines 60er-Jahre-Hotels an der Velika Plaza (feinsandige Bucht, Bestlage) in Ulcinj – mit 56 Betten der Ein-Sterne-Kategorie, kürzlich angeboten für 3,7 Millionen Euro.

Oder ist es sinnvoller, eine fensterlose Rohbauruine zur mutmaßlichen Eigennutzung zu erwerben – etwa in Budva, wo 225 Quadratmeter latenter Wohnfläche für schlanke 128.750 Euro zu haben sind, zuzüglich der landesüblichen 5 % Maklerprovision.

„Fonds, an denen sich Kleinanleger beteiligen können, sind uns jedenfalls nicht bekannt”, sagt Franz-Josef Flosbach. Und was den direkten Immobilienerwerb angeht, empfiehlt der DEG-Mann, einen Blick in die Dörfer des Küstengebirges zu werfen – „dort ist sicher noch einiges zu finden”.

Vielleicht ja sogar eine echte Altbauruine – zum Schnäppchenpreis
.

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